23 | 05 | 2013

Schumann Forschungen 13

Bernhard R. Appel,Vom Einfall zum Werk. Robert Schumanns Schaffensweise. Mainz, London, Berlin, Madrid, New York, Paris, Prag, Tokyo, Toronto: Schott 2010

352 Seiten

ISBN: 978-3-7957-0683-8, ED 20699

Vorwort

Auf welchen Wegen erwirbt Robert Schumann jene Fertigkeiten und Fähigkeiten, die ihn zum Komponisten werden lassen und ihn als solchen auszeichnen? Wie kommen seine Kompositionen aufs Papier? Wer assistiert in der Komponistenwerkstatt und worin besteht diese Zuarbeit? Welche Arbeitsschritte durchläuft ein Musikwerk, bis es aufgeführt und in gedruckter Form der Öffentlichkeit übergeben werden kann?

Das sind die an sich harmlosen Fragen, die dieses Buch zu beantworten sucht.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit werden der kompositorische Bildungsgang und die komplexen, sich im Laufe des Lebens verändernden Arbeitsweisen R. Schumann dargestellt. Neben Lebenszeugnissen (Briefen, Tagebüchern, Notizheften, Ver­zeichnissen usw.) und schriftstellerischen Aussagen dienen vornehmlich Kompositionshandschriften als Grundlage der Untersuchung. Dieser Quellenbestand antwortet, wenn auch manchmal nur unscharf, auf die eingangs gestellten Fragen.

Neben dem blinden, gefühlverhafteten Verstehen von Musik, dessen armselige Diskursunfähigkeit mit dem Argument, über Geschmack ließe sich nicht streiten, begründet und zugleich verteidigt wird, gibt es eine intellektuelle Form des Genießern und Verstehens, welche die bloß affektive Reaktion auf Musik hinter sich lässt, ohne sie zu verleugnen. Dieses von kritischer Reflexion und vom offenen Diskurs getragene Verstehen bemüht sich um eine strukturelle Werkaneignung, wohl wissend, dass diese - wie jedes andere Erkenntnisstreben auch - stets nur annäherungsweise möglich ist und Deutungswandlungen unterliegt, in denen sich das erkennende Subjekt und seine rezeptionsgeschichtlichen Perspektiven spiegeln. Ein Musikwerk in diesem Sinne zu verstehen und zu genießen heißt, wissen, wie es gemacht ist. Hier wurzelt das Erkenntnisinteresse an Schaffensprozessen.

Zum Gemachtsein einer Komposition gehört nicht nur der reine Notentext, sondern auch der darübergesetzte Werktitel, die Widmungszuschrift und die Opuszahl, wie auch das vom Komponisten mitbestimmte Titelblatt der Druckausgabe und manches andere mehr. Hinter diesem umfassenden Kompositionsbegriff steht die Überzeugung, dass die Vielfalt authentischer Quellen und Dokumente Grundlage der Untersuchung und des Verstehens sein muss: In ihnen ist der Schaffensvorgang beschlossen. In ihnen manifestiert sich kompositorische Arbeit unmittelbar. Näher kann man einem Komponisten, seiner Werkstatt und seinem Werk nicht kommen.

Die vorliegende Publikation wendet sich unbescheiden an jeden Leser, der sich für musikalische Schaffensprozesse - aus welchen Gründen auch immer - interessiert, ohne ihm eine bequeme Lektüre zu versprechen. Was Musikwissenschaft mitzuteilen hat, lässt sich allgemeinverständlich sagen.

Kerngedanken der vorliegenden Arbeit wurden in verkürzter Form schon andernorts veröffentlicht1. Die Buchfassung ist nicht nur um einige (Teil-)Kapitel, sondern auch um zahlreiche Quellen-Beispiele erweitert worden. Darüber hinaus enthält sie die Erstveröffentlichung des kleinen Schumann-Liedes Ammenuhr aus dem Umfeld des Liederalbums für die Jugend op. 79. Anhand der zweifachen editorischen Aufarbeitung des zugrundeliegenden Arbeitsmanuskripts (als diplomatische Quellentranskription und als aufführbarer Notentext) lassen sich an diesem Lied einige Aspekte kompositorischer Arbeitsprozesse exemplarisch aufzeigen. Herrn Dr. Michael Herkenhoff (Universitäts- und Landesbibliothek Bonn) danke ich verbindlichst für die Publikationserlaubnis.

Ein Katalog-Anhang dokumentiert die von Schumann selbst angelegte, mit Kompositions- und Aufführungsdaten versehene Sammlung von Handexemplaren seiner Kompositionen.

Zahlreiche Institutionen und öffentliche Sammlungen ermöglichten Untersuchungen an originalen Quellen und stellten Reproduktionen zur Verfügung. Sie werden im Abbildungsteil bzw. im Haupttext im jeweiligen Zusammenhang genannt. Es ist nicht möglich, all jene Archiv-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter einzeln zu nennen und ihnen für freundlich erteilte Auskünfte und bereitgestellte Repro-Vorlagen zu danken. Allen diesen dezent im Hintergrund agierenden, für Forschung und Wissenschaft unverzichtbaren Bibliothekaren, Archivaren und Sammlungsleitern sei aufrichtig für ihre Unterstützung gedankt.

Mein langjähriger Freund Dietmar Rolshausen erwies den nicht hoch genug zu würdigenden Freundschaftsdienst, eine frühe Fassung des Manuskripts zu lesen, wobei seine kritische Lektüre sowohl die Sprache als auch die Gedankenführung konstruktiv beeinflusste. Ihm sei herzlich dafür gedankt. Nicht weniger herzlich danke ich meinen Fachkollegen und Freunden, Frau Dr. Anette Müller und Herrn Dr. Michael Beiche, die in der letzten Arbeitsphase mehr als nur redaktionelle Unterstützung geleistet haben. Mit unerschütterlicher Geduld und Ausdauer widmeten sie sich dem gesamten Text und seiner formalen Gestaltung, prüften und redigierten ihn und erstellten die Register, die einen schnellen Zugriff auf den Inhalt des Buches erlaubt. Auch der Leser wird dies zu schätzen wissen.

Ohne die Förderung der Stiftung van Meeteren wäre es nicht möglich gewesen, das Buch, dessen Hauptteil bereits 2006 ausformuliert war, abzuschließen. Herrn Udo van Meeteren danke ich bestens für seine freundliche Unterstützung, die mir zum wiederholten Mal zuteil geworden ist.

Herrn Prof. Dr. Klaus Wolfgang Niemöller und Herrn Prof. Dr. Akio Mayeda danke ich für die freundliche Aufnahme des Buchs in die Reihe der Schumann Forschungen. Frau Nadine Kisselbach, Sekretärin der Robert-Schumann-Gesellschaft e. V., Düsseldorf, sorgte dankenswerterweise für die reibungslose Abwicklung organisatorischer Maßnahmen, welche die Arbeit am Buch begleitet haben. Frau Dr. Astrid Bernicke übernahm die verlegerische Betreuung seitens des Verlages Schott Music, Mainz und löste geduldig und umsichtig Probleme, die sich bei der Gestaltung und Herstellung des Buches einstellten. Abschließender Dank gilt meiner Frau Mechthild, die nicht nur klaglos die ihr entzogene Zeit hingenommen, sondern sich erneut als verlässliche Korrekturleserin erwiesen hat.

Was trotz der fachlichen und sachlichen Unterstützung, die mir reichlich zuteil geworden ist, an Mängeln und Fehlern stehen geblieben sein mag, ist natürlich einzig mir, dem Autor des Buchs anzulasten.

Bonn, April 2010                                                                                            Bernhard R. Appel

 

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Schumann Forschungen 12

Robert Schumann, das Violoncello und die Cellisten seiner Zeit: Bericht über das 8. Internationale Schumann-Symposion am 15. und 16. Juli 2004 im Rahmen des 8. Schumannfestes, Düsseldorf. Klaus Wolfgang Niemöller zum 75. Geburtstag gewidmet, hg. von Bernhard R. Appel und Matthias Wendt. Mainz, London, Berlin, Madrid, New York, Paris, Prag, Tokyo, Toronto: Schott 2007

264 Seiten

ISBN: 978-3-7957-0543-5, 3-7957-0543-6, ED 9960

Vorwort

Robert Schumanns Kompositionen für Violoncello, Adagio und Allegro op. 70, die Fünf Stücke im Volkston op. 102 und das Violoncellokonzert op. 129 gehören heute weltweit zum festen Repertoire der Cellisten. Im 19. Jahrhundert dagegen konnte sich insbesondere das Cellokonzert zunächst nicht durchsetzen: Es galt als unspielbar oder „undankbar“, und bis heute ist dessen Uraufführungstermin bezeichnenderweise ungesichert. Mittlerweile besteht weitgehend Einigkeit darüber, daß dieses Werk das Problem der Balance zwischen solistischem Violoncello und sinfonischem Orchester klang exemplarisch gelöst hat und damit richtungsweisend für die nachfolgende Gat tungsgeschichte geworden ist. Schumanns kammermusikalische Werke für Cello und Klavier waren im 19. Jahrhundert eher in Privatzirkeln denn im Konzertsaal heimisch. Frühere Rezeptionshindernisse und der allmähliche Rezeptionswandel verdienen eine eingehende Untersuchung: Sowohl Schumanns Cello-Kompositionen selbst als auch das persönliche Umfeld des Komponisten, zu dem nicht wenige Cellisten gehören, werden in den in diesem Band der Schumann Forschungen vorgelegten Beiträgen behandelt.

Als Instrument, das wegen seiner klanglichen Nähe zur menschlichen Stimme und wegen seines großen Ambitus’, der vom Baß- bis zum Sopran reicht, alle Register abzudecken vermag, findet das Violoncello in der romantischen Musikanschauung zwar große Beachtung, aber bislang liegen keine Studien darüber vor, wie die mit dem Instrument verbundenen ästhetischen Konzepte kompositorisch umgesetzt worden sind. Manuel Gervink legt in seinem Beitrag u.a. dar, welchen Anteil Schumanns Schaffen am Topos Cello-Kantilene hat. Der Frage, warum Schumann - etwa im Gegensatz zu seinem Freund Felix Mendelssohn Bartholdy - dem Cello kein zyklisches Sonatenwerk gewidmet hat, geht Christiane Wiesenfeldt unter gattungsgeschichtlichen Aspekten nach. Schumanns spätes kammermusikalisches Schaffen, in dem das Violoncello in besonderer Weise exponiert wird, nimmt Volker Kalisch insgesamt in den Blick.

Die 1853 in Düsseldorf entstandenen Fünf Romanzen für Violoncello und Klavier Anh. E7 müssen wohl als unwiederbringlicher Verlust gelten, nachdem Clara Schumann 1893 mit Billigung von Johannes Brahms anscheinend sämtliche Werkmanuskripte hierzu vernichtet hat. Mit Christian Reimers, dem mehrfachbegabten illustren Cellisten aus dem engsten persönlichen Umfeld Schumanns in Düsseldorf - er führte die Romanzen Anh. E7 im privaten Kreis auf -, befaßt sich Thomas Synofzik. Auf anderweitige Spurensuche begibt sich Matthias Wendt mit seinen Quellenforschun gen zu Schumanns bruchstückhaft überlieferten Klavierbegleitungen zu J. S. Bachs Violoncellosonaten Anh. 02.

Schumanns Schaffensweise untersucht Akio Mayeda anhand der Skizzen zum Cellokonzert op. 129. Mit aufführungspraktischen Fragen der originalen Fingersatz- und Strichbezeichnungen dieses Konzerts befaßt sich der Beitrag Heinz von Loeschs.

Interpretationsvarianten in einigen der zahlreichen Einspielungen der Fünf Stücke im Volkston op. 102 geht Wolfgang Seibold nach. Schumanns persönliche Beziehungen zum Widmungsträger der Stücke im Volkston - Andreas Grabau - untersucht Ute Bär. Den nahezu vergessenen Komponisten und Cellovirtuosen Johann Benjamin Groß, der mit Clara und Robert Schumann in persönlichem Kontakt stand, bringt Bernhard R. Appel in Erinnerung. Helmut Loos stellt in seinem Beitrag die Bedeutung und Wirkung der Celloklasse des Leipziger Konservatoriums heraus. Den fruchtbaren Virtuosen Friedrich Grützmacher d. J., der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nachhaltig cellistische Spielpraxis, Didaktik und das Repertoire an Cellowerken mitbestimmte, würdigt Robert von Zahn. Mit biographischen und rezeptionsgeschichtlichen Fragen der in Rußland wirkenden deutschen Musikerfamilie Albrecht befaßt sich Klaus-Peter Koch. Im selben Kulturkreis wirkte der Cellist Carl Eduard Schuberth, der die Bahnen der russischen Schumann-Rezeption nicht unerheblich mitgestaltete, wie Lucian Schiewitz darlegt.

Die mit der Kritischen Gesamtausgabe der Werke Schumanns befaßte Robert- Schumann-Forschungsstlle e.V. in Düsseldorf erhält durch diesen Bericht über das von ihr im Rahmen des 8. Düsseldorfer Schumann-Festes ausgerichtete Symposion (15. und 16. Juli 2004) auch wertvolle editorische Erkenntnisse: Nicht nur Schumanns persönliches Umfeld, dem die Entstehung seiner Cellokompositionen mitzuverdanken ist, sondern auch aufführungspraktische und rezeptionsgeschichtliche Fragen werden durch die hier vorgelegten Forschungsbeiträge erhellt. Mit ihrer Publikation verbindet sich nicht zuletzt die Hoffnung, die oft beklagten Barrieren zwischen „Theoretikern“ und „Praktikern“ ein wenig abzubauen.

Die Durchführung des Symposions wurde durch die großzügige Förderung der Fritz Thyssen Stiftung, Köln, ermöglicht. Dr. Herbert Zapp (t), ehemaliger Vorsitzender und Ehrenmitglied der Robert-Schumann-Gesellschaft e. V. Düsseldorf, förderte die Veranstaltung durch eine großzügige private Spende. Die Deutsche Bank AG, Düsseldorf, stellte nicht nur den Tagungssaal, sondern auch die technische Ausstattung und einen Flügel zur Verfügung und sorgte für die freundliche Bewirtung der Tagungsteilnehmer. Den genannten Förderern sei herzlichst gedankt.

Die Veranstaltung und der hieraus erwachsene Sammelband ist dem namhaften Musikwissenschaftler Prof. Dr. Klaus Wolfgang Niemöller zum 75. Geburtstag gewidmet. Als Mitherausgeber der Neuen Robert-Schumann-Gesamtausgabe, als Autor einschlägiger Abhandlungen (u.a. zu Schumanns Cellokonzert) und nicht zuletzt auch als Cellist ist unser Widmungsträger dem Schaffen Robert Schumanns in besonderer Weise verbunden. Klaus Wolfgang Niemöllers beeindruckend umfangreiche und thematisch weit gespannte wissenschaftliche Publikationstätigkeit wird durch das von Manuel Gervink erstellte, am Schluß des Bandes beigegebene Schriftenverzeichnis dokumentiert. Es schlägt bibliographisch die Brücke zu Hubert Unverrichts Laudatio, die den vorliegenden Band eröffnet.

Düsseldorf, August 2005

Bernhard R. Appel                                                                                                Matthias Wendt

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Schumann Forschungen 11

Robert Schumann in Endenich (1854–1856): Krankenakten, Briefzeugnisse und zeitgenössische Berichte, hg. von der Akademie der Künste, Berlin, und der Robert-Schumann-Forschungsstelle, Düsseldorf, durch Bernhard R. Appel. Mit einem Vorwort von Aribert Reimann. Mainz, London, Berlin, Madrid, New York, Paris, Prag, Tokyo, Toronto: Schott 2006

607 S.

ISBN: 3-7957-0527-4, ED 9870

Vorwort

Es ist etwa 45 Jahre her, da erfuhr ich von dem Bruder meiner Mutter zum ersten Mal von der Existenz eines ärztlichen, tagebuchähnlichen Protokolls, das Dr. Franz Richarz, Gründer und Leiter der Irrenanstalt Endenich bei Bonn, über die beiden letzten Lebensjahre Robert Schumanns geführt hat. Mein Onkel Dietrich Rühle, Psychiater und Oberarzt an den Dietrich-Bonhoeffer-Anstalten, Berlin, war Patensohn seiner Tante Tula Richarz, einer Schwester seines Vaters, meines Großvaters, die mit einem Sohn von Dr. Franz Richarz verheiratet war. Als dieser, ebenfalls ein Dr. Franz Richarz, Physiker und Gründer des Physikalischen Instituts Marburg, 1920 starb, schenkte sie die Schumann-Aufzeichnungen, die ihr Mann von seinem Vater geerbt hatte, meinem Onkel, der damals gerade mit seiner Psychiatrie-Fachausbildung begann. Dieser erwähnte das Dokument zwar von Zeit zu Zeit, aber immer nur andeutungsweise; zu sehen bekam ich es nie.

Auf zwei Dinge allerdings hatte mein Onkel hingewiesen: Erstens, daß das Dokument leider nicht mehr vollständig sei, weil es den Russen 1945 beim Einmarsch in Berlin (Dietrich Rühle war zu der Zeit Arzt an der Nervenheilanstalt in Buch und wohnte auch dort) in die Hände gefallen und ein Teil davon vernichtet worden sei. Es fehlen die Aufzeichnungen vom Tag der Ankunft Schumanns in Endenich am 4. März bis 5. April 1854 sowie vom 28. April bis 6. September 1854. Von da an sind sie - glücklicherweise - vollständig. Zweitens legte mein Onkel Wert darauf, dieses Dokument nicht der Robert-Schumann-Gesellschaft zur Verfügung zu stellen, aus Angst vor einer Veröffentlichung. Er berief sich dabei auf die ärztliche Schweigepflicht; in diesem Entschluß wurde er noch durch die Tatsache bestärkt, daß Dr. Richarz, als er sich 1859 aus der Klinik Endenich zurückzog, seine Schumann-Aufzeichnungen mitgenommen und sie nicht der Anstalt zur Verfügung gestellt hatte.

Gegen Ende der sechziger Jahre sagte mir mein Onkel, der von meiner starken Affinität zu Schumann wußte, daß ich nach seinem bzw. nach dem Tod seiner Frau dieses Dokument erhalten würde, damit es in der Familie bleibe, bat mich aber um strengstes Stillschweigen. Mein Onkel starb 1973, seine Frau 1987, und die Aufzeichnungen von Dr. Richarz kamen Anfang 1988 in meine Hände.

Jahrzehntelang lebte ich mit diesem Geheimnis, das mir immer wieder, vor allem nachdem ich das Dokument in meiner Wohnung hatte, schlaflose Nächte bereitet hat. Zunächst war ich unsicher, weil ich nicht wußte, wie ich damit umgehen sollte: Das zu wahrende Arztgeheimnis und die dringliche Bitte zu schweigen hinderten mich daran, die Aufzeichnungen der Öffentlichkeit bekanntzumachen. Auf der anderen Seite reifte in mir, wenn auch nur zögernd, der Entschluß, diesen Krankenbericht einmal publizieren zu lassen, um endlich einen Schlußstrich zu ziehen unter die ständigen Spekulationen, Verleumdungen und abenteuerlichen Erfindungen, die sich um Schumanns Aufenthalt in der Heilanstalt Endenich ranken. Vor allem deshalb und nicht zuletzt auch, weil der Verbleib des Dokuments in meiner Wohnung nicht sicher genug war, beschloß ich, es 1991 dem Direktor des Archivs der Akademie der Künste, Berlin, Herrn Dr. Wolfgang Trautwein, als Dauerleihgabe zu überlassen. Erst durch die Transkription der Handschrift, die Herr Dr. Hartmut Ross in mühevoller Arbeit angefertigt hat, wurde es mäglich, den Krankenbericht genau zu studieren, wovon in den letzten Jahren immer wieder Schumann-Forscher in der Akademie der Künste Gebrauch machten.

Ich danke Herrn Prof. Dr. Bernhard Appel von der Robert-Schumann-Forschungs­steile, Düsseldorf, daß er diesen Krankenbericht in einen klärenden, sehr bewegenden Kontext organisch eingebunden hat und ihn in dieser besonderen Form als Buchaus­gabe innerhalb der Reihe Schumann Forschungen beim Schott-Verlag Mainz endlich der Öffentlichkeit vorstellt.

Ich danke Herrn Dr. Wolfgang Trautwein für seine jahrelange Diskretion und für die Aufbewahrung des Originals in seinem Archiv und Herrn Dr. Heribert Henrich für seine wunderbare Mitarbeit.

Berlin, im Dezember 2005                                                                               Aribert Reimann
 
 

Schumann Forschungen 10

Krischan Schulte, „… was Ihres Zaubergriffels würdig wäre!“: die Textbasis für Robert Schumanns Lieder für Solostimmen, Mainz, London, Madrid, New York, Paris, Prag, Tokyo, Toronto: Schott 2005

313 Seiten

ISBN: 3-7957-0526-6, ED 9878

Schumann Forschungen 9

Robert und Clara Schumann und die nationalen Musikkulturen des 19. Jahrhunderts: Bericht über das 7. Internationale Schumann-Symposion am 20. und 21. Juni 2000 im Rahmen des 7. Schumann-Festes, Düsseldorf, hg. von Matthias Wendt. Mainz, London, Madrid, New York, Paris, Prag, Tokyo, Toronto: Schott 2005

270 Seiten

ISBN: 3-7957-0515-0, ED 9816

Vorwort

Die Musik als Metasprache des 19. Jahrhunderts war trotz der zunehmend akzen­tuierten nationalstaatlichen Bindungen ihrer Exponenten und gleichzeitiger Etablie­rung nationaler Schulen und Musiksprachen stets ein paneuropäisches Phänomen. Paris, Leipzig, London, Wien und St. Petersburg hatten sich als Hauptstädte bürger­licher Musikkultur in Europa herausgebildet. Das ausgeprägte Konzertwesen dieser Städte bedingte eine rege Reisetätigkeit vor allem von Virtuosen, aber auch von Kom­ponisten und führte zu einem intensiven Austausch von Kompositionen, Unterrichts­methoden, Spieltechniken und mithin auch von musikästhetischen Anschauungen. Clara Schumann ist als reisende Virtuosin und wohl wichtigste zeitgenössische Inter­pretin der Werke ihres Mannes mehr als ein halbes Jahrhundert in allen musikalischen Hauptstädten Europas präsent. Allein London hat sie 19 mal bereist. Mit Ausnahme von Paris und London hat auch Robert Schumann die europäischen Musikzen­tren besucht und ist dort ebenso wie in weiteren bedeutenden Musikstädten (z.B. Prag, Utrecht, Amsterdam) als Dirigent eigener Kompositionen in Erscheinung ge­treten.

Dieser wechselseitige Austausch wurde durch eine inhaltlich und stilistisch aufblü­hende Musikpublizistik wesentlich gefördert, die sich nach 1830 - unter entschiedener Beteiligung Robert Schumanns - sprunghaft entwickelte. Im 19. Jahrhundert begrün­dete Musikzeitschriften, die teilweise noch heute erscheinen, hatten in den genannten Städten ihre Hauptsitze. Ein beachtlicher Kreis an internationalen Korrespondenten, die teilweise simultan für verschiedene nationale Musikzeitschriften tätig waren und dadurch selbst wieder zur Internationalisierung beitrugen, förderte eine europäische Vernetzung des Musiklebens bei Wahrung und Betonung des jeweiligen nationalen Eigencharakters. Die ausländischen Korrespondenten der von Schumann herausgege­benen „Neuen Zeitschrift für Musik“ und die zahlreichen persönlichen Kontakte mit reisenden Virtuosen und Schumann besuchenden oder von ihm aufgesuchten Kom­ponisten sind in diese musikalische Vernetzung einzubeziehen.

Die gleichen europäischen Musikzentren waren Stammsitz der bedeutendsten Musikverlage, die darüber hinaus ein Netzwerk europäischer Filialen unterhielten oder mit ortsansässigen Verlegern anderer Länder geschäftlich verbunden waren. An­gesichts dieser internationalen Verflechtung des Musiklebens kann man ohne Über­treibung behaupten, daß die Musik im 19. Jahrhundert wesentlich für das erstarkende bürgerliche Selbstbewußtsein und selbstverständlicher Bestandteil des Alltags euro­päischer Bildungsbürger geworden war.

Ein sich sprunghaft entwickelndes Vereinsleben, paneuropäische Chorwettbewerbe mit den Niederrheinischen Musikfesten als zeitgenössischen Höhepunkten bilden ein weiteres Netzwerk gegenseitiger Verpflichtungen, Gefälligkeiten, politischer Einfluß- nahmen und Rücksichten. Nicht nur Schumanns Werke werden von den Vereinen gepflegt, zur Uraufführung gebracht oder öffentlich zum Standardrepertoire erklärt - zum gegenseitigen Wohle. Auch der Komponist als Person wird eingebunden, er muß tätig werden als Schiedsrichter bei überregionalen Wettbewerben in Düsseldorf oder Antwerpen, er begutachtet für den niederländischen Verein zur Förderung der Tonkunst europäische Nachwuchskomponisten und wird als Ehrenmitglied verschiedenster Vereine zum Aushängeschild und metapolitischem Gütesiegel.

Diese rezeptionsgeschichtlichen Fäden, die im Europa des 19. Jahrhunderts von den Werken Schumanns, seinen Interpreten und Verlegern, seinen kollegialen und freund­schaftlichen Kontakten und seiner eigenen Person ausgehen, exemplarisch zu verfol­gen, ist Ziel dieses Sammelbandes der Reihe Schumann Forschungen.

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Schumann Forschungen 8

Olga Lossewa (unter Mitarbeit von Bernhard R. Appel), Die Russlandreise Clara und Robert Schumanns (1844). Mainz, London, Madrid, New York, Paris, Prag, Tokyo, Toronto: Schott 2004

149 Seiten

ISBN: 3-7957-0507-X, ED 9722

Vorwort

Unter den gemeinsamen Konzertreisen Clara und Robert Schumanns zeichnet sich die nach Rußland (1844) schon dadurch aus, daß sie die längste, weiteste und in gewissem Sinn auch die exotischste Reise war. Daß diese Konzerttournee ein herausragendes Ereignis im Leben des Künstlerpaars darstellte, davon zeugen die Briefe aus Rußland an Claras Vater, Friedrich Wieck1, und vor allem die gemeinsam verfaßten Reisenotizen2. Daß Clara Schumann unmittelbar nach der Rückkehr aus Rußland sich der Mühe unterzog, die Reiseerlebnisse und -eindrücke ausführlich zu beschreiben, spricht für sich selbst und bestätigt weiterhin die persönlich-biographische Bedeutung der Rußlandreise. Bei der Ausarbeitung konnte sie sich auf das in Stichworten notierte Reisetagebuch ihres Gatten stützen, welches er während der viermonatigen Tournee sorgfältig geführt hat.

Diese aufschlußreiche Doppel-Schilderung, die in der vorbildlichen Tagebuch- Edition von Gerd Nauhaus über hundert Druckseiten umfaßt, ist ein wertvolles Dokument nicht nur zur Biographie der beiden Künstler, sondern auch zur Kulturgeschichte Rußlands. Bei allem literarischem Genuß, den die Lektüre dieser Aufzeichnungen zweifellos bietet, erschließen sie sich aber dem heutigen Leser, insbesondere für jenen, der nicht in Rußland lebt und der die Geschichte des russischen Kultur- und Gesellschaftslebens in der Mitte des vorigen Jahrhunderts nicht oder nur oberflächlich kennt, nicht in allen Details. Hie und da stößt man bei der Lektüre der Reisenotizen auf erklärungs- oder kommentarbedürftige Sachverhalte, die durch historische Darlegungen erhellt werden müssen. Sie überschreiten Form und Grenzen eines editorischen Kommentars. Daraus ergibt sich die erste Aufgabe dieses Buches: Ergänzungen zu den Reisenotizen Clara und Robert Schumanns zu liefern, die Vorgeschichte und Hintergründe dieser Reise zu beleuchten und schließlich all das zu kommentieren, was mutmaßlich nicht jedem Leser bekannt sein dürfte.

Eine weitere Aufgabe soll der zweite Teil der vorliegenden Publikation erfüllen: Sie besteht darin, die Reiseerfahrungen und eigenen Sichtweisen Clara und Robert Schumanns aus der Perspektive russischer Zeitgenossen zu ergänzen, wie sie sich 1844 einerseits in Annoncen, Artikeln, und Rezensionen der russischen Presse artikuliert und andererseits in privaten Äußerungen verschiedentlich niedergeschlagen haben. Diese Zeugnisse werden hier zum ersten Mal in vollem Umfang in Übersetzung aus dem Russischen bzw. im deutschen und französischen Original veröffentlicht. Es liegt auf der Hand, daß diese im zweiten Teil des Buches vorgelegten Dokumente vor allem Clara Schumann und ihre Konzerte betreffen, denn sie war die Protagonistin dieser Reise und wurde auch als solche öffentlich wahrgenommen. Doch gewähren die Dokumente darüber hinaus auch Einblicke in die frühe russische Rezeption der Werke Robert Schumanns, waren doch einige seiner Kompositionen erstmals, und noch dazu von seiner Frau, in Rußland aufgeführt worden.

Obwohl im vorigen Jahrhundert nicht wenige ausländische Komponisten Rußland bereist haben, ist der Besuch Robert Schumanns, aus der historischen Distanz betrachtet, irritierend merkwürdig verlaufen. Das in diesem Zusammenhang vom Musikkritiker Wladimir W. Stassow (1824-1906) eingebrachte Stichwort inkognito, das Schumanns Situation von 1844 charakterisiert (und aus dem jeder Russe eine feine Anspielung auf Gogols Revisor heraushört), erfaßt den Kern der Sache: Der große Komponist erscheint 1844 unerkannt und unbemerkt in einem Land, das ihn wenige Jahre später in höchstem Maße verehren wird. Dem Thema Robert Schumann als Komponist erst in Abwesenheit, dann aber mit überwältigendem Interesse wahrgenommen wird, widmeten sich mehrere russische Musikkritiker und -wissenschaftler: Wladimir W. Stassow, Nikolai Findeisen, Daniel Schitomirski3. Die Aufsätze Stossows und Findeisens werden bereits im ersten Teil des Buches besprochen. Die Abhandlung von Prof. Dr. Daniel Schitomirski (1906-1992) liegt schon lange in deutscher Übersetzung vor4. Schitomirski, der wohl seinerzeit bedeutendste russische Schumann-Forscher, regte dieses Buch an, aber seine tödliche Erkrankung erlaubte ihm nicht mehr, sich an seiner Entstehung zu beteiligen.

Für die Unterstützung dieser Arbeit danke ich dem Vorstand der Robert-Schumann- Gesellschaft in Düsseldorf, insbesondere der ehemaligen Geschäftsführerin Frau Dr. Gisela Schäfer, die sich für die Publikation bereits im Planungsstadium vorbehaltlos eingesetzt hat. Herrn Prof. Dr. Klaus Wolfgang Niemöller, Wolfgang Niemöller, Herausgeber der Reihe Schumann Forschungen, gilt mein herausragender Dank: Er hat dieses Buch nicht nur in die von ihm betreute Reihe freundlichst aufgenommen, sondern sich auch persönlich um die finanzielle Unterstützung des Drucks bemüht. Herzlicher Dank gilt auch meinen russischen und deutschen Kollegen, die mir bei der Arbeit auf vielfältige Weise geholfen haben: Tatjana Wassiljewa und Dr. Swetlana Zwerewa (Staatliches Institut für Kunstgeschichte, Moskau), Prof. Dr. Victor Warunz (Staatliches Tschaikowski-Konservatorium, Moskau) und Dr. Gerd Nauhaus (Robert-Schumann-Haus, Zwickau). Frau Karin Ruppelt sei für die erste Redaktion der deutschen Übersetzung der russischen Presseartikel im dokumentarischen zweiten Teil des Buchs aufrichtig gedankt.

Alle Kalenderdaten, die den Aufenthalt Clara und Robert Schumanns in Rußland betreffen, werden doppelt angegeben und zwar in alter (kyrillischer) und neuer (gregorianischer) Zeitrechnung. Zitate und Titel werden durch Kursive gekennzeichnet. Hervorhebungen im ersten Teil, im Anhang und in den Anmerkungen werden durch Sperrung wiedergegeben. In den Dokumenten des zweiten Teils sind Hervorhebungen kursiv gesetzt. Auslassungen und Erläuterungen innerhalb von Zitaten und Dokumenten werden durch eckige Klammern angezeigt.

Die im zweiten Teil vorgelegten Dokumente sind, sofern nicht anders vermerkt, aus dem Russischen übersetzt. Texte, welche deutsch- und französischsprachigen russischen Zeitungen entstammen (siehe Zeitungsverzeichnis, S. 85), sind in Orthographie und Interpunktion quellengetreu wiedergegeben.

Bei der Transkription der kyrillischen in lateinische Schrift wurde versucht, die phonetische Eigenart der russischen Namen und Titel nach Möglichkeit zu erhalten. Die Geburts- und Sterbedaten der russischen und in Rußland begrabenen ausländischen Personen (siehe Personenregister, S. 132) sind nach den veröffentlichten Verzeichnissen der Petersburger und Moskauer Friedhöfe geprüft.

 

Olga Lossewa Moskau. März 2002

 

Anmerkungen

1Siehe Robert Schumanns Briefe. Neue Folge, hg. von F. Gustav Jansen, Leipzig 41904; Berthold Litzmann, Clara Schumann. Ein Künstlerleben. Nach Tagebüchern und Briefen, Bd. 2: Ehejahre 1840-1856, Leipzig 31907

2Robert Schumann, Tagebücher, Bd. II: 1836-1854, hg. von Gerd Nauhaus, Leipzig 1987

3W. W. Stassow, List, Schumann i Berlioz w Rossii [Liszt, Schumann und Berlioz in Rußland], in: Isbrannyje statji [Gesammelte Schriften], Bd. 3, Moskau 1952; Nik[olai] F[indeisen], Schumann w Rossii [Schumann in Rußland], in: Russkaja musykalnaja gaseta, Nr. 27/28 vom 2.-9. Juli 1906

  4Schumann in Rußland, in: Sammelbände der Robert-Schumann-Gesellschaft, Bd. 1, Leipzig 1961, S. 19-46
 
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