Chorwerke

Band 3: Werke für gemischten Chor in zwei Teilbänden (Teilband 1: Noten; Teilband 2: Kritischer Bericht)

Fünf Lieder op. 55; Vier Gesänge op. 59; Romanzen und Balladen opp. 67, 75, 145, 146; Beim Abschied zu singen op. 84; Vier doppelchörige Gesänge op. 141; Patriotisches Lied WoO 5; Solfeggien Anhang L1; Glockenthürmers Töchterlein Anhang L3; „Wenn zweie auseinandergehen“ Anhang L4, herausgegeben von Christina Thomas


Romanzen und Balladen für Chor, Heft I, op. 67, Titelseite der Originalausgabe, Handexemplar Schumanns, D-Zsch; Archiv-Nr.: 4501,11–D1/A4

Aus der Einleitung:
Zur Ausbildung des eigenen melodischen Sinnes bleibt immer das Beste, viel für Gesang, für selbstständigen Chor zu schreiben schrieb Robert Schumann in einem auf den 22. Januar 1846 datierten Brief an den Komponisten Carl Reinecke (SBE III/20, S. 670). Am selben Tag verfaßte der Verleger Raymund Härtel einen Brief an Schumann mit der Bitte um die Einsendung von Kompositionen für den Leipziger Liederkranz – einem Chorverein, der aufgrund seiner gemischten Besetzung ein echtes Novum in jener Zeit darstellte, da der von Härtel erbetene zeitgenössische, weltliche A-cappella-Gesang zu jener Zeit vor allem im Soloquartett oder in den ausschließlich Männern vorbehaltenen Liedertafeln ausgeübt wurde. Die gemischt besetzten Singakademien hingegen bevorzugten vor allem geistliche Werke, wie auch Clara Schumann in ihrem Tagebuch unter dem 11. Dezember 1847 festhielt: […] gerade für Ausübung dieser Gattung von Musik ist ja so wenig Gelegenheit, da die Singakademie nur geistliche Kompositionen wählt (Litzmann II, S. 175). Auf Härtels Brief folgte ein Zeitraum, indem Schumann sich nach seinem Liederjahr 1840 intensiv der Komposition von Chorwerken widmete. Innerhalb kürzester Zeit entstanden insgesamt sechs Lieder, die Schumann für den Leipziger Liederkranz einsandte. Fünf von ihnen erschienen später in der dem Liederkranz gewidmeten Sammlung der Fünf Lieder op. 55 und den Raymund Härtel zugeeigneten Vier Gesängen op. 59. Während op. 55 bereits relativ früh als Sammlung von Liedern nach Gedichten von Robert Burns konzipiert wurde, nahm Schumann bei der Gestaltung von op. 59 bis in die Drucklegung hinein gleich mehrfach grundlegende Änderungen vor, wie sich anhand verschiedener Titelblattentwürfe sowie der Korrespondenz mit dem Verlag Whistling nachvollziehen läßt.
Vor der Entstehung der Fünf Lieder op. 55 und Vier Gesänge op. 59 hatte Schumann sich lediglich vereinzelt, aber durchaus erfolgreich der Komposition für gemischten Chor zugewandt. Besonders hervorzuheben ist das in diesem Band vorgelegte Patriotische Lied WoO 5, bei dem es sich um die meistgedruckte Komposition Schumanns handelt. Der große Erfolg dieses ohne Opuszahl veröffentlichten Liedes läßt sich nur vor dem politischen Hintergrund seiner Entstehungszeit vollständig nachvollziehen. Die im Zuge der Rheinkrise 1840 entstandenen politischen Spannungen zwischen Frankreich und dem Deutschen Bund fanden auch in Form eines regelrechten Dichterstreits ihren Ausdruck. Auf beiden Seiten entstanden politische, patriotische und nationalistische Gedichte, darunter auch das Rheinlied des Gerichtsschreibers Nikolaus Becker, das sich innerhalb kürzester Zeit rasch verbreitete und schon bald darauf zahlreich vertont wurde. Auch Schumann setzte im November 1840 Beckers Gedichttext mit seinem Patriotischen Lied in Töne, das innerhalb nur eines Jahres sieben Auflagen erfuhr, in je zwei Auflagen einer Schul- und sogenannten Volksausgabe veröffentlicht wurde, 1841 mit englischem Singtext im Londoner Verlag Hudson erschien und darüber hinaus von Schumann selbst für Männerchor sowie gemischten Chor und Orchester arrangiert wurde.

Nach einem Besuch seines ehemaligen Musiklehrers Johann Gottfried Kuntsch, der gemeinsam mit dem Zwickauer Stadtkantor und Musikdirektor Emanuel Klitzsch ein Musikfest in der Heimatstadt Schumanns initiierte, komponierte Schumann Anfang Mai 1847 Beim Abschied zu singen op. 84 als Zugabe des Festprogramms, an dessen Gestaltung der Komponist maßgeblich beteiligt war. Das Manuskript, aus dem Schumann selbst am 10. Juli 1847 die Uraufführung des Werkes dirigierte, geriet jedoch zunächst verloren, so daß op. 84 erst drei Jahre später Anfang Juli 1850 im Verlag Whistling erschien.

Spätestens ab dem 29. November 1847 beschäftigte Schumann eine Idee wegen Chorverein (Tb III, S. 445), die ihn nicht mehr losließ. Die aus der Leitung des am 5. Januar 1848 schließlich erstmals zusammentretenden Vereins für Chorgesang resultierende einzigartige Möglichkeit, eigene Chorwerke direkt aus dem Manuskript erproben zu können, inspirierte Schumann zu zahlreichen Kompositionen für gemischten Chor. Unter ihnen auch die Romanzen und Balladen op. 67, 75, 145 und 146, denen er sich enthusiasmiert widmete, wie auch einem auf den 23. März 1849 datierten Brief an den Verleger Friedrich Whistling zu entnehmen ist: Ich habe mit wahrer Passion eine Sammlung Balladen für Chor […] zu schreiben angefangen; etwas, was, wie ich glaube, noch nicht existirt (SBE III/2, S. 316f.). Der hier formulierte Neuheitsanspruch bezieht sich vor allem auf die Vertonung jener Texte für gemischten Chor, wurden doch Romanzen- und Balladentexte in jener Zeit üblicherweise als Sololieder vertont. Im Bereich der Chorkomposition wurden speziell Balladentexte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem für Männerchor arrangiert. Mit der Vertonung einer größeren Sammlung von Romanzen- und Balladentexten betrat Schumann somit durchaus neues musikalisches Terrain und erschuf eine neue, sich von der bisherigen Soloballade abhebende Gattung, welche wohl nicht zuletzt auch den Pfad für seine ab 1850 entstandenen Chorballaden ebnete.

Zeugnis der intensiven Verbindung zwischen der Leitung des Vereins für Chorgesang und der Komposition von Werken für gemischten Chor legen auch die in diesem Band vorgelegten Solfeggien Anhang L1 ab, welche dem Verein als Intonationsübungen dienten. Eine Veröffentlichung der Solfeggien war offenbar zumindest zeitweise geplant, erfolgte jedoch aus unbekannten Gründen nicht.

Ähnlich verhält es sich mit Glockenthürmers Töchterlein Anhang L3, das zeitnah zu den in den Romanzen und Balladen veröffentlichten Liedern Der Sänger op. 145/13 und Brautgesang op. 146/16 entstand. Dies könnte darauf hindeuten, daß Schumann das Lied zunächst auch als Bestandteil der Romanzen und Balladen in Betracht gezogen haben könnte, den Gedanken jedoch zu einem späteren Zeitpunkt aus unbekannten Gründen wieder verwarf. Bei den Solfeggien Anhang L1 und Glockenthürmers Töchterlein Anhang L3 handelt es sich somit nicht um von Schumann vollständig abgeschlossene Werktexte, die zu Lebzeiten des Komponisten zu einem Werkganzen ausreiften. Daher werden diese Werke im vorgelegten Band in Form semi-diplomatischer Transkriptionen erschlossen und auf diese Weise für weitere wissenschaftliche Forschungen bereitgestellt.

In den Romanzen und Balladen komponierte Schumann mit der Romanze vom Gänsebuben op. 145/15 ein Lied für Doppelchor, einer Besetzung, welcher er mit den vier doppelchörigen Gesängen op. 141 im Oktober 1849 schließlich eine ganze, insgesamt vier Lieder umfassende Sammlung widmete. Aufgrund der mit dieser Besetzung einhergehenden Aufführungsproblematik lehnte der Leipziger Verleger Friedrich Hofmeister das Angebot zur Inverlagnahme des Werkes jedoch ab, woraufhin es zu Lebzeiten Schumanns unveröffentlicht blieb. Clara Schumann, die op. 141 nach dem Tod ihres Mannes schließlich zum Druck im Verlag Kistner begleitete, fügte jenen Liedern – wohl nicht zuletzt aufgrund der bereits von Hofmeister angesprochenen Bedenken – eine Klavierbegleitung hinzu, die als somit zumindest nicht vollständig autorisierte Stimme im Petitdruck wiedergegeben wird.